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Ihr naht euch wieder schwankende Gestalten

«Der Mensch kann nicht zu neuen Ufern aufbrechen,
wenn er nicht den Mut aufbringt, die Alten zu verlassen.»
Andre Gide

«Ihr naht euch wieder schwankende Gestalten . . .»

I. Einleitung

Ich, Annam Qamar, habe von dem 04.04.2012 bis zum 30.06.2012 ein fakultatives Praktikum an dem Deutschen Haus der Republik Tatarstan absolviert. Gleich anfangs erachte ich es wichtig zu erwähnen, dass sich mein Praktikum von meinen Vorgänger/innen dahingehend unterschied, dass ich in der Zeit meines Praktikums ein Auslandssemester an der Kasaner Staatlichen Universität absolviert habe und somit in erster Linie immatrikulierte Studentin war. Folglich blieb mir der herkömmliche Bewerbungsprozess erspart und es ergab sich die Möglichkeit sich kurzfristig vor Ort zu bewerben. Auch war das von mir absolvierte Praktikum in keinerlei Studienordnung vorgeschrieben, vielmehr habe ich es als eine unikale Möglichkeit angesehen meinen eigenen Erfahrens- und Wissenshorizont aktiv zu erweitern und Einblicke in die Arbeit eines nichtstaatlichen Kulturträgers zu gewinnen. Eine Erfahrung, die ich keineswegs bereue. – Non, je ne regrette rien!

Jede — sei es auch die kleinste Entscheidung unseres hiesigen Lebens – ist damit verbunden, dass der Mensch sich konkrete Vorstellungen und Erwartungen bezüglich der Realisierung der getroffenen Beschlussfassung macht. Ich möchte hier keineswegs pessimistisch wirken, aber ich bin der Ansicht, dass es eine lebensimmanente Weisheit ist, dass als zu hohe Erwartungen oftmals in großer Enttäuschung münden. Vielmehr gilt für mich die Devise: «Auf das Beste hoffen, mit dem Schlimmsten rechnen!» Doch woher diese skeptische Haltung zum Leben in meinen noch jungen Jahren? Vielleicht ist dies mit meinem «Migrationshintergrund» verbunden, der auf erstem Blick nicht erahnen lässt, dass ich Staatsbürgerin der Bundesrepublik Deutschland bin und dass ich die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrsche. An dieser Stelle soll kein falscher Eindruck von Minderwertigkeitskomplexen entstehen, denn ich betrachte eben diesen «Migrationshintergrund» für eine persönliche Bereicherung und bin Gott dafür aus tiefstem Herzen dankbar. Jedoch soll dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich im alltäglichen Leben daraus – ungewollt – Komplikationen ergeben können.

Im Großen und Ganzen habe ich hier versucht ein adäquates Abbild meiner inneren Seelenlage bezüglich der Erwartungen an die Praktikumsstelle zu präsentieren. Wie sich jedoch bereits nach den ersten Gesprächen herausgestellt hat, gab es keinen schwerwiegenden Grund für derart existenzialistische Reflexionen, da ich sehr nett und warmherzig von allen Beteiligten des Deutschen Hauses empfangen wurde. Dafür möchte ich mich noch einmal bei der ganzen Organisation des Deutschen Hauses bedanken.

I. Profil des Unternehmens

Das Deutsche Haus der Republik Tatarstan (zusammen mit dem Jugendklub «Perlenkette») stellt eine autonome nichtstaatliche Organisation dar, dessen erklärtes Ziel die Befriedigung der sozi-ökonomischen, kulturellen und spirituellen Bedürfnisse der in der Stadt Kazan und in der Republik Tatarstan beheimateten Russlanddeutschen sowie die allseitige Entwicklung der wirtschaftlichen, kulturellen, humanitären und wissenschaftlichen Beziehungen zu Deutschland und anderen deutschsprachigen Staaten Europas ist. Das Wirken des Deutschen Hauses basiert dabei auf den Prinzipien der Selbstverwaltung, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz. Hierbei sei erwähnt, dass die Umsetzung der Tätigkeit des Deutschen Haus im Rahmen der Verfassung und der Gesetze der Russischen Föderation und der Republik Tatarstan erfolgt.

Das Deutsche Haus wurde am 25. Dezember. 2005 als eingetragener Verein registriert. Das dies auch der Tag der Geburt Jesus ist, ist kein reiner Zufall, sondern verweist vielmehr auf die engen Beziehungen zu der evangelisch-lutherischen Kirche der Stadt Kazan. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass das Deutsche Haus in den Räumlichkeiten der evangelisch-lutherischen Kirche untergebracht ist.

Vorsitzender des Deutschen Hauses ist Viktor G. Dietz, der sich mit sehr viel Enthusiasmus und Engagement für die Realisierung der beschriebenen Zielsetzungen einsetzt.

Im Großen und Ganzen lässt sich resümieren, dass das Deutsche Haus der Republik Tatarstan ein freier, nichtstaatlicher Träger ist, welcher kulturvermittelnde Tätigkeitsfelder abdeckt: Der Kinoclub des Deutschen Haus präsentiert zeitgenössische sowie klassische Filme des deutschen Kultur- und Sprachraumes, die Tanzgruppe «Perlen» setzt sich mit dem Brauchtum der Russlanddeutschen auseinander, die Vermittlung der deutschen Sprache erfolgt mittels der Sprachkurse und das «Deutsche Theater» präsentiert Theaterstücke in der deutschen Sprache. Besonderes Augenmerk ist dabei das kulturelle Erbe der Russlanddeutschen, die einen signifikanten Beitrag zu der Entwicklung des heutigen Russlands geleistet haben.

II. Mein Tätigkeitsbereich

Was meine Praktikumstätigkeit betrifft, so bestand diese im Großen und Ganzen aus zwei großen Bereichen: Einerseits die Lehrtätigkeit in der Fortgeschrittenengruppe und andererseits die aktive Teilnahme an den Theaterproben des Deutschen Hauses.

II.I. Die Lehrtätigkeit in der Fortgeschrittenengruppe des Deutschen Hauses

Der wesentliche Kern meines Praktikums bestand in dem Lehren der deutschen Sprache in dem Fortgeschrittenenkurs. Dieser fand zweimal wöchentlich, jeweils jeden Montag und Donnerstag von 18:30 – 20:00 Uhr statt. Die Teilnehmerzahl hat von Veranstaltung zu Veranstaltung variiert, es gab jedoch einen festen Kern von 5-10 Studenten/Studentinnen, die regelmäßig den Deutschunterricht besuchten. Was die Unterrichtsgestaltung betrifft, so war es mein Anliegen, nicht nur theoretische und grammatische Kenntnisse der deutschen Sprache zu vermitteln, sondern darüber hinaus sollte der herkömmliche Sprachunterricht um essentielle Variablen erweitert werden: Der Sprachunterricht sollte sich durch eine kommunikative Ausrichtung auszeichnen und zudem landeskundliche Themen ansprechen, denn wir dürfen nicht vergessen, dass die Auseinandersetzung mit einer Sprache auch eine Auseinandersetzung mit dem Land und seiner pluralistischen Gesellschaft impliziert. Die Kursteilnehmer haben alle Unterrichtsvorschläge angenommen und ich habe stets versucht Wünsche der Kursteilnehmer bezüglich der Unterrichtsgestaltung in der Unterrichtsvorbereitung zu integrieren. An dieser Stelle muss ich auch erwähnen, dass in der Gruppe immer ein sehr angenehmes und produktives Arbeitsklima geherrscht hat. Die Kursteilnehmer haben immer aktiv am Unterricht teilgenommen und es war für mich eine besondere Freude mit einer so bunt gemischten Gruppe zusammenarbeiten zu dürfen (es waren die unterschiedlichsten Alters- und Berufsgruppen vertreten).

In diesem Zusammenhang möchte ich auch hinzufügen, dass die Tätigkeit des Lehrers nicht nur das Vermitteln von Unterrichtsinhalten, also das «Lehren», beinhaltet, sondern darüber hinaus auch das — durch die Interaktion entstehende — «Lernen» von den Kursteilnehmern. Somit wurde mir ein kleiner (aber sehr interessanter) Einblick in das Leben in der Russischen Föderation in Allgemeinen, und in der Hauptstadt der Republik Tatarstans, nämlich Kazan im Besonderen gewährt.

All the world`s a stage,
And all the men and women merely players:
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts.

II.II. Das Theater des Deutschen Hauses

Ein besonders aufregender Bestandteil meines Praktikums war die aktive Teilnahme an den Proben und den Aufführungen der Theatergruppe des Deutschen Hauses. Das Arbeiten in einer schöpferischen und kreativen Umgebung war für mich eine komplett neue und zugleich unvergessliche Erfahrung, denn die Theaterproben bestanden nicht nur aus dem obligatorischen Repetieren eines Theaterstücks, sondern boten darüber hinaus einen beeindrucken Einblick in die «русская душа»: philosophische Reflexionen und ein kritisches Hinterfragen der sozialen und politischen Rahmenbedingungen sowie eine unbegrenzte Offenheit, Empathie sind charakteristisch für die russische Seele, die eine unendliche menschliche Wärme ausstrahlt und viele Menschen in ihren Bann zieht.

Was die konkrete Umsetzung der Theaterstücke betrifft, so haben wir uns in unserer ersten «Schaffensperiode» mit der historischen Figur der Katharina der Zweiten auseinandergesetzt, die zweifelsohne eine zentrale Rolle in der historischen Entwicklung Russland einnimmt. Wie bereits erwähnt verpflichtet sich das Deutsche Haus der Republik Tatarstan dazu, das Kulturgut der Russlanddeutschen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, sodass das Theaterstück «Katharina» ein absolutes Muss für das Deutsche Haus war. Während meiner Praktikumszeit wurde dieses Theaterstück zweimal vorgeführt, u.a. auch anlässlich der jährlich stattfindenden Nacht der Museen. In der zweiten Schaffensphase haben wir uns vielmehr von den klassischen Theaterstrukturen gelöst und sind zu Daniel Charms übergegangen. Wir haben den Versuch unternommen, den von ihn verfassten banalen, nicht zusammenhängenden Alltagssituationen ihren absurden Touch zu verleihen. Auch dieses Theaterstück wurde zweimal aufgeführt.

Einen besonders tiefempfundenen Dank möchte ich an dieser Stelle dem Regisseur des Deutschen Theaters ausrichten und mich vielmals für seine Geduld und weisen Ratschläge bedanken. Trotz der Tatsache, dass ich gemeinhin als introvertierter Mensch gelte und offensichtlich nicht für das Theaterspielen gemacht bin, hatte er stets Geduld mit mir. Auch möchte ich mich bei dem ganzen Theaterensemble herzlichst bedanken.

II.III. Sonstiges

Des Weiteren habe ich den wöchentlich stattfindenden Kino-Club besucht. Hier wurden in einem angenehmen, familiären Ambiente zeitgenössische deutsche Filme präsentiert (auf deutscher Sprache) und anschließend bei dem «чаепитие», dem für Russland so charakteristischen Teetrinken besprochen.

«Wahre Dankbarkeit lässt sich nicht mit Worten ausdrücken»

III. Abschließende Betrachtung

Im Zeitalter der Globalisierung wird oft von dem omnipräsenten Einfluss des Englischen gesprochen und dass dessen Superiorität unausweichlich sei. Umso mehr hat es mich daher beeindruckt, dass die deutsche Sprache sich in Kasan einer derartigen Popularität erfreut. Auch hätte ich mir niemals ernsthaft vorstellen können, dass man das Lehren seiner Muttersprache zu seinem – alles anderes als monotonen — Beruf machen kann. Auch allein wegen dieses beruflichen Einblicks hat sich mein Praktikum auf jeden Fall gelohnt. Vor allem war ich aber sehr froh darüber, dass ich keiner «trockenen» Praktikumstätigkeit in einem Büro nachgehen musste, sondern dass ich mit Menschen zusammenarbeiten durfte und direkt in alle Arbeitsprozesse integriert wurde.

Bedingt durch den Umstand, dass ich neben meiner Praktikumstätigkeiten ein Auslandssemester absolviert habe, ist es mir womöglich nicht gelungen, alle bestehenden Möglichkeiten und Angebote des Deutschen Hauses wahrzunehmen, denn ich musste gewissermaßen den Spagat zwischen Studium und Praktikum meistern. Dennoch habe ich versucht mein Bestes zu geben, inwieweit mir dies gelungen ist, kann ich jedoch selbst nicht einschätzen.

Fakt ist, dass dieses Praktikum einen nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen hat und ich es folglich nicht so schnell vergessen werde. Es war für mich eine besondere Ehre mit so viel unterschiedlichen und interessanten Persönlichkeiten zusammenarbeiten zu dürfen und ich möchte mich noch einmal herzlich bei allen bedanken.

Danke, dass sie mich alle so warmherzig empfangen haben. Спасибо всем большое!

Annam Qamar
(annam.qamar at hotmail.com)
04.04.- 30.06.2012 in Kasan

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